Wiener Diözesangeschichte 1960 - 1996

Eine Wallfahrt aus der Pfarre Großengersdorf nach Marlazell und auf den Sonntagsberg vor hundert Jahren Von Msgr.FranzJamöck,Käthe Krob Überlieferungen aus der Vergangen heit -ob handschriftlich oder gedrucktbilden für den Heimatforscher eine Fundgrube interessanter Details. Ob das nun Chroniken, Tagebücher, Matriken oder Abrechnungen sind, ob privat oder öffentlich Aufgeschriebenes, sie lassen uns immer ein Stück Heimatgeschichte erleben. Dies gilt auch für die Vor beterbücher, die in der Pfarre Großengersdorfaus 1862 und 1886 noch erhal ten sind. Es sind handgeschriebene Bü cher, ungleicher Größe und verschiede nen Inhaltes, zumeist Lieder und Ge bete, wie sie bei kirchlichen Festen, Bittgängen imd Wallfahrten Verwen dung fanden. Besonders interessant ist, daß in einem dieser Bücher der genaue Ablauf einer Fuß-Wallfahrt nach Maria zell beschrieben wird, wobei nicht nur die einzelnen Stationen, sondern auch das genaue Programm jeder Station festgehalten ist. Für uns Heutige ist es ganz unvorstellbar, welche Frömmigkeit und Glaube die Menschen dieser Zeit erfüllte, um solche Strapazen aufsich zu nehmen und mehrere Tage auch durch zuhalten. Programm einer FußwaUfahrt nach Mariazell und zurück, verfaßt von An ton Leitner im Jahr 1886, beginnend bei der Heimatkirche in Großengersdorf: ,,Sobald du in die Kirche kommst, so knie nieder und begrüße den Kirchen patron mit allen Anwesenden mit dem Lobspruch: O, Jesus Christ usw., dann die Frauenlitanei mit den zugehörigen Zusätzen. Andächtige Wallfahrter Wir treten eine Wallfahrt an, dabei muß die Absicht sein, diese neun Tage nur der Ehre Gottes und seiner gebene deiten Mutter Maria und zum Nutzen unseres ewigen Seelenheiles anzuwen den, alle fernere Gelegenheit zur Sünde meiden. Besonders aber unsere Ge wohnheitssünden zu verabscheuen, daß heißt, wahre Reue über unsere begange nen Fehler, festen Vorsatz fassen, alles aufrichtig in Demut beichten und diese Wallfahrtsreise zu einer würdigen Buß reise anwenden. Auf solche Weise kön nen wir uns wieder mit unserem Gott, welcher höchst barmherzig ist, aussöh nen. So lasset uns mit größter Andacht und Demut Gott den Herrn um seine Gnade anflehen. Lasset uns die seligste Jungfrau Maria, unsere Schutzfrau, um ihre Fürbitte, ja lasset uns auch alle Engel und Heiligen anrufen, daß sie uns mit ihrer Fürbitte beistehen, besonders jetzt, wo uns unzählige Gefahren und Unglücke an Leib und Seele, an unse rem Vermögen und Ehre drohen. Nur Gottes Gnade, nur durch die Fürbitte der Mutter Gottes und aller Engel und Heiligen können wir unsere zeitliche Pilgerreise zu unserer Freude nach dem Gnadenort Mariazell gehen und ohne Hindernisse vollenden. So lasset uns nun im Namen Gottes des Vaters und unseres gekreuzigten Erlöseis des Sohnes und des Heiligen Geistes unsere Reise fortsetzen in aller Ruhe und Ordnung. Amen. Fünf Vater unser und den Glauben. Dann Reiselie der nach Mariazell bis nach Wien. Da wird nach der Litanei der Vers: Wir reisen fort nach Mariazell, daß sich erquicke unser Seel zu der schönsten Mutter Jesu usw.... gebetet. Bei den Paulanern in Wien, weil der Hl. Schutzengel am Hochaltar ist, bei dem Auszuge: Schutzengel mein, führ uns hinein nach Mariazell usw zur schönsten Mutter Jesu! Diesen Vers halte durchaus, aber in Maria Enzers dorf, so auch auf dem Hafnerberg be merke, daß du dreimal bei der Litanei wiederholest:Du Heil der Kranken, weil da die Mutter Gottes ,Heil der Kranken' genannt wird. Zu Heiligenkreuz bei den Stationen bete den Kreuzweg mit den versammel ten Wallfahrern, ehe du noch in die Kirche einziehst. In Lilienfeld, bei dem Einzug in die Kirche, die Frauenlitanei mit folgendem Vers: Mit Gnadenaugen uns anschaut, befeuchte uns mit kühlem Tau, Jesus Maria und Joseph. Beim Auszug: Wir danken dir für diese Gnade, die unsre Seel empfangen hat, Jesus Maria und Joseph. Dann bete den Ablaß bei dem Hochaltar,dann gehe zum Seitenaltar zu Jesus Maria und Joseph um den Segen, sodann Gesang: Aus deinen schönen Blümelein. Hernach ziehe aus,so mache es bei allen Kirchen bis Annaberg. Am Annaberg singe die Frauenlitanei samt Vers: Sei gegrüßt zu tausendmal in eurem schönen Gnadensaal Jesus, Maria und Anna. Beim Auszug: Wir danken auch für diese Gnad, die unsre Seel empfangen hat Jesus, Maria und Anna. Beim Joachimsberg gebrauche die Frauenlitanei, Vers: Schutzengel mein usw Am Josefsberg Frauenlitanei samt Vers: Schutzengel mein usw.... Den Ablaß, einen Vaterunser zu Ehren des Kirchenpatrones-in jedem Gotteshaus. Am Sebastiansberg ebenso wie vor her, daselbst muß man ein wenig still stehen, wegen der Jugend welche sich Kränzlein kaufen, so auch weil die 15 Geheimnis-Säulen ankommen (Rosen kranz). Beim goldenen Kreuz bete den Ablaß und weil man schon den Turmspitz schimmern sieht vom Gnadenort Maria zell, so mache deinen versammelten Wallfahrtern eine Anrede: ,Nun sehen wir jetzt das marianische Gnadenhaus Mariazell zum ersten Male an, allwo wir schon das ganze Jahr geseufzet haben, zu dir, o Maria, zu kommen und jetzt sehen wir dein wundervolles Gnaden haus vor unseren Augen, wo du schon vielen Sündern und Sünderinnen beige standen bist und in unterschiedlichen Zufällen hast unbußfertige Sünder be kehrt. Nun Geliebte, so habet nur ein festes Vertrauen,dann werdet ihr sehen, wie Maria euch beistehen kann, wie oft werdet ihr selbst sagen können, daß ihr die Hilfe Marias erfahren habet. Ja, Maria ist bereit, uns in Ängsten und Anliegen zu helfen, weil sie stets für uns Sünder bittet und Sorge traget, damit sie uns den Himmel zueignen könne,um dort ewig loben und preisen zu können. Weil wir aber schwache und elende Menschen seien und uns selbst nicht helfen können und Maria weiß ohnehin, daß wir mehrzum Bösen,als zum Guten geneigt sind. Wenn wir nur ein reumüti ges Herz haben,so können wir von Gott Verzeihung, Gnade und Barmherzigkeit erlangen, wenn wir nur wollen.So fallet nur Maria kniefällig zu Füssen mit wei nenden Augen und seid getröstet, wir werden alle Gnad erlangen, wenn wir durch wahre Reue und Leid unsere Sünden öffentlich bekennen. Um eins bitte ich euch durch Christi teures Blut, wenn ihr vielleicht solltet ein steinernes Herz haben,so lasset es doch erweichen, zum wenigsten dazumal, wenn wir Ma ria in ihrem Gnadenhaus begrüßen. Alldort lasset etliche Zähren aus euren Augen fließen, damit ihr als öffentliche Sünder vor dem Gnadenthron erscheint. Aber andächtige Seele!!! allhier hast du noch etwas Weniges in Obdach zu neh men besonders beim Aus- und Einzug. Erstens: Daß zu sonderbaren Ehre Got tes gereiche eine Prozession, die gute Ordnung.Denn gleich wie in den hohen Liedern Salomons ein wohlgeordnetes Kriegsheer erschröcklich denen Feinden zu sein beschrieben wird, also auch eine in emsiger Ordnung gestellte Versamm lung mit andächtigem Singen und Beten eingerichtete Prozession erschröcklich gedünket unseren Seelenfeinden. Daher lasse dir die Ordnung bestens empfohlen sein. Du sollst nicht Acht haben aufden Vorzug, weil jene, welche die Mindesten und Demütigsten, die Größten und Ersten sein vor den Augen der Mutter Gottes. Zweitens: Erwäge, daß du dei nen Verdiensten einen Zusatz machest, wenn du gesittet dich, demütig und ehrerbietig erzeigest, welches ich hoffe von meinen Wallfahrtern alles genau zu befolgen. Damit ich und ihr alle von unserer jetzigen Wallfahrt einstens kön nen Rechenschaft ablegen, um dorten im himmlischen Vaterlande mit der himmlischen Prozession den immerwäh renden Lobgesang: Heilig, Heilig, Heilig singen, welches ich mir und euch allen meine liebsten Wallfahrter vom Grunde meines Herzens wünsche. ,Amen.' Zur Danksagung fünf Vaterunser und Glau ben mit ausgespannten Armen. Noch vorher wo sich die Jugend flech tet, da schicke zwei Männer voraus den Einzug zu melden und auch ein gutes Quartier zu bekommen. Ist das alles richtig und der Einzug vorhanden, so fange die Frauenlitanei samt Vers an. Bei der Kirche angelangt, die Stiegen vor der Tür, müssen von jedem Wall fahrter geküßt werden. Dann gehe zur Säule, wo die Buße abgelegt wird, wo 60

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