Wiener Diözesangeschichte 1960 - 1996

Wir haben im vorangegangenen Artikel gehört, wie sich zwölf katholische Bür ger Wiens ihres Glaubens besonnen und als „Organisationskomitee" für eine Wallfahrt nach Mariabrunn gewirkt ha ben. Diese(als erste historisch nachweis bare) Wallfahrt wurde"als „Schotten wallfahrt" ja ausführlich beschrieben. Schlagartig folgten dann viele andere. Größten Verdienst an der Förderung Mariabrunns hatte das Kaiserhaus. Einerseits von den Reisen nach Westen und anderseits vor allem durch das kaiserliche Jagdgebiet Lainzer Tiergar ten, war Mariabrunn dem Hof bestens bekannt. Das Kaiserhaus hat seine Seel sorger, die Augustiner Barfüßer, heraus gesandt, um Kirche und Kloster zu bauen und zu betreuen. Durch zwei Jahrhunderte (1636-1829) wirkten hier die Patres segensreich. Der diesem Or den angehörende Abraham a S. Clara hatte hier sein Noviziat verbracht und wirkte später mindestens ein Jahr als Prior(1693). Mariabrunn war beim Volk sehr be liebt. Der erwähnte Abraham a S. Clara sagte etwa über unseren Wallfahrtsort: Mariabrunn sei kein ,,Red-haus", son dern ein ,,Rett-haus", wo also nicht bloß gesprochen, sondern die Seele wirklich gerettet werde und wo nach einer guten Beichte aus einem Raben eine Taube, aus einem Wolf ein Lämmlein werde'. Die Wiener eilen nach Mariabrunn, sie „lauffen zu deinem Gnadenquellen gleich wie der Hirsch zu den Bronnen"'^. Ein geistreicher Vergleich, gerade ange sichts eines Brunnens im Wienerwald. Ferner rät er: „Wer rein will seyn von Sünden-Schleim der suche diesen Bron nen heim." Die Kaiser kamen selbst oft und gerne auf Wallfahrt nach Mariabrunn (beson ders Karl VI.) und haben die Kirche auch finanziell gefördert. Wir entdecken immer mehr,wie prächtig unsere Kirche ausgestattet ist und wahrlich als „dritte Hofkirche" - neben der Hofburgkapelle und St. Augustin - bezeichnet werden kann. Die dargelegte statistische Erfassung der Wallfahrten ist sicher unvollständig, da in manchen Jahren die Aufzeichnun gen minuziös, in anderen gar nicht ge macht wurden. Wir hören in diesen alten Dokumenten in sehr vielen Details von Frömmigkeit, Gelübden und inniger Andacht, aber auch von menschlichen Schwächen. Wir hören etwa von einer Wallfahrt, die plötzlich nicht mehr nach Mariabrunn kommen will, sondern ir gendwo anders hin wallfahrtet und zwar nur deswegen, weil das Mittagessen bei den gastgebenden Patres hier halt im mer so kärglich war"; und schließlich - wir haben es im vorangegangenen Arti kel gelesen - die Wallfahrer, die erst am Dienstag heimgekehrt sein sollen, wäh rend der Pfarrer am Sonntag abend alieine nach Hause gehen mußte. 2. Die gegenwärtige Situation: Einzelwallfahrer kommen kaum mehr nach Mariabrunn. Es ist außerdem kaum zu klären, ob heute ein Beter wegen des Wallfahrtsortes oder wegen des Parkplatzes stehen bleibt. Es kom men also praktisch nur noch angemel dete Wallfahrtsgruppen. Jährlich sind es etwa 20. Wir haben im vorangegangenen Artikel gelesen, daß Mariabrunn von den westlichen Wiener Vorstädten gerne besucht wurde, aber keine überregio nale Bedeutung erlangen konnte. So kommt etwa die Hälfte dieser 20 Grup pen aus den erwähnten Pfarren des westlichen Wiens und aus dem Klosterneuburger Raum. Es sind Pfarren, die ihr Wallfahrtsgelübde nach wie vor treu einhalten, das sie vor 200 bis 300 Jahren abgelegt haben. Die älteste noch beste hende Wallfahrt (Baumgarten) kommt heuer schon zum 309 Mal! Bei einigen dieser „Gelöbniswallfahrten" geht ein Teil her(und manchmal auch zurück)zu Fuß. Natürlich nicht mehr als Prozes sion auf der Straße,sondern als Wande rung durch den schönen Wienerwald, aber auch das verbunden mit Besin nungspausen, Gebet usw., also nicht als reiner Ausflug. Für einige dieser Gelöb niswallfahrten ist nur Mariabrurm das Ziel und nur ein religiöses Programm, für einige ist Mariabrunn der erste(oder auch der letzte abendliche)Punkt eines ganztägigen Pfarrausfluges. Schließlich seien als dritte Gruppe genannt die Fahrten von Pfarren, Seniorenclubs, Kinderausflüge, Vereinen und Gruppen, die immer wieder ein neues, vielleicht sogar unbekanntes Ziel anstreben und dabei eine Wallfahrtskirche einbauen. Sicher ist dafür unsere schöne Umge bung (kleiner Wienerwaldausflug) und auch unsere günstige Lage, am Beginn der Westautobahn (Wien-Auhof), förder lich. Es kommen auch Gruppen aus den westlichen Bundesländern, die als ersten Punkt ihres Wienbesuches hier Gottesdienst halten. Bei den Gelöbnis wallfahrten ist praktisch immer der Hei matpfarrer mit, bei der dritten Gruppe teilweise. Pastoral versucht unsere Pfarrge meinde durch Begrüßung, Ermögli chung oder Abhaltung des Gottesdien stes, durch Beichtgelegenheit und durch Kirchenführung, die sich nicht auf das Historisch-Kunstgeschichtliche be schränkt, den Wallfahrern Besinnung und religiöse Ermutigung zu ermögli chen. Dem dient auch, daß wir den besuchenden Gruppen ev. auch unser Pfarrheim für eigene Verpflegung zur Verfügung stellen oder sie bewirten, wenn bei uns gerade Gelegenheit ist (Pfarrcafe u. ä.). Weitere Kontakte zu den Pfarren und Gruppen, die hierher auf Wallfahrt kommen, ergeben sich eigentlich nicht. Besondere Lieder oder Gebete sind nicht gebräuchlich; es wird immer das Gotteslob verwendet. Nur bei der Begrüßung lesen wir gerne einiges aus dem oben zitierten Gebet des Abra ham a S.Clara vor. Anmerkungen: 'Festpredigt in Mariabrunn,am 2. Juli 1696, Abrahamische Lauberhütt II 398 ff. " Festpredigt in Mariabrunn,am 2. Juli 1672, Abrahamische Lauberhütt II 153 ff. ' 1731; Mariabrunner ProtocoUum, S. 72. Das Gnadenbild Maria Türkenhülfe in der k. k. Leopoldi Schloß Capelln am Kallenberg Von Josef Dominicus Hamminger Knapp vor Weihnachten im Jahre 1676, am 14. Dezember, um 17 Uhr feierte Kaiser Leopold I. (36a) mit der Pfalzgräfin Eleonore Magdalena von Neuburg in der Dreiflüssestadt Passau seine dritte Hochzeit. Am 3. Advent sonntag, dem 13. 12., hatte der Kaiser dem Gottesdienst und der Predigt bei den Kapuzinern in der Wallfahrtskirche Mariahilf beigewohnt. Diesem Passauer „Mariahilf'-Gnadenbild gehörte Leo polds besondere Verehrung: nicht weni ger als fünfmal besuchte er in diesen Dezembertagen die Wallfahrtsstätte, der er bereits 1668 zwei (heute nicht mehr vorhandene) Silberampeln gestiftet hatte. Anläßlich der Eheschließung und der damit verbundenen Hoffnung auf den ersehnten Thronfolger wollte Leo pold ein besonders kostbares Votivgeschenk an das Gnadenbild „S. Maria auxüiatrix" stiften. Beim Augsburger Goldschmied Lukas Lang ließ er eine äußerst wertvolle silbergetriebene, ver goldete und mit vielen Edelsteinen be setzte Ampel anfertigen, aus der sieben Engelshermen als Lichtträger hervor wachsen. An der Sockelzone prangt dreimal der kaiserliche Adler mit Reichsapfel und Schwert. Drei gravierte Silberplättchen berichten vom Anlaß der Stiftung: „LeopolDVs IMperator et ELeonora sponsa eX Voto offerVnt - DVM tertlas Ipse nVptlas sVas PassaVU ple CeLebrant- Mariae Delparae aVXlLlatrlCI sVae" (Kaiser Leopold und seine Gemahlin Eleonora stifteten einem Gelübde gemäß diese Ampel, während sie ihre Hochzeit-er selbst seine drittein Passau fromm feierten, der Gottesgebärerin Maria,ihrer Helferin). Das Chro nogramm ergibt das Jahr 1676. Noch heute hängt diese überaus wertvolle und hochversicherte „Kaiserampel" vor dem Gnadenbild in Mariahilfob Passau'. Immer wieder zog es Leopold zu die sem Gnadenbild, dem Staatsgnadenbild der Habsburger, auf den Mariahüferberg. Auch sein verehrter priesterlicher Freund, P. Marco d'Aviano, zog am 4. September 1680, in Begleitung des Diözesanbischofs Sebastian Graf von Pet ting, seinem gesamten Hofstaat und allen Kanonikern und unter großem Volkszulauf ins Marienheiligtum „Marlahilf ein. Später wallfahrtete er ein mal mit Leopold ins Bergheiligtum und hielt dort eine Andacht-. Sieben Jahre später mußte Leopold Hals über Kopf, am 7. Juli vor der herannahenden Türkenübermacht die Kaiser- und Residenzstadt Wien verlas27

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